Kieler Zeltlager in Partenstein – wie kommt man denn da drauf?!

„Mit wenig Mitteln viel auf die Beine stellen“ war um 1960 das Motto des „Fanfarenzug Kiel“. Damals eine Truppe mit 30-50 Kids zwischen 10 und 15. Meist aus Familien mit wenig Kohle. Proben, Auftritte und Musikfeste an den Wochenenden schweißt so eine Musikertruppe zusammen. Da lag es nahe, auch in den Ferien gemeinsam etwas zu unternehmen, zumal auch die „Reisewelle“ der 60-er Jahre für die meisten Eltern der Mitglieder noch längst nicht begonnen hatte. Die erste Ferienaktion nach der Vereinsgründung war 1962 ein Zeltlager in Bosau am Plöner See. Zusammen geliehene Zelte, Anreise per Rad (oder Linienbus, wer keins hatte) und im Küchenzelt eine eiserne Herdplatte aus Uromas Bauernküche, unter der spätestens um sechs Uhr morgens das Holz brennen musste. Die Lagerleitung hatte Spenden eingesammelt, das hielt die Kosten für die Teilnehmer gering. Programm brauchte es nicht viel: die Instrumente waren dabei und der See zum Baden lag vor den Zelten. Den Älteren im Lager fiel immer etwas Neues ein, um die Kids bei Laune zu halten. Die Küchenfee tat ein Übriges und bekochte die Truppe mit einfachen Mitteln, dass einige Kids gar nicht mehr nach Hause wollten. Jeden Morgen gab‘s Milchsuppe… das waren schon andere Zeiten und käme unserer heutigen Köchin sicher nicht in den Sinn.

Das erste Zeltlager war so erfolgreich, dass es ab da in jedem Jahr eine Zeltfreizeit gab. Bosau, Plön, Selent – noch gut zu erreichen, aber weit genug weg von zuhause. Es verstand sich von selbst, dass nach und nach Zeltmaterial angeschafft wurde – gebraucht natürlich. Und die Teilnehmerzahlen stiegen an: die Spielleute brachten Freunde, Nachbarn, Schulkollegen mit, sodass in den späten 60-er Jahren bis zu 80 Teilnehmer mitfuhren. Sollten wir uns daran erinnern, dass es damals Computer und Handys nur als Science Fiction in der Star-Treck-Serie gab, besser bekannt als „Raumschiff Enterprise“ und die „betreute Grundschule“ oder der Hort noch nicht erfunden waren?

Auf einer Familienfeier 1967 bot ein Onkel der Ehefrau vom Lagerleiter an: „Ich hab ein Grundstück in Rodenbach direkt am Main, da könnt ihr doch auch mal Zelten.“ Solche Angebote werden genutzt: 1968 gab es zwei Ferienlager: eins in Selent und direkt im Anschluss eins im Spessart. Der Platz lag genau zwischen Bundesstraße, Bahnlinie und Main. Da wurde mit dem Zug hingefahren und viel improvisiert aber es war ein „Hammer“. Es wurde sogar im Main gebadet – wenn man den damaligen Zustand des Flusses vor Augen hat, eine abenteuerliche Vorstellung. Einkaufen ging man auch auf die gegenüberliegende Mainseite: Autos sind was für Weichlinge – Babybadewanne nehmen, rüber schwimmen und beim Rücktransport auf demselben Weg aufpassen, dass die Einkäufe nicht absaufen. Von den neu gekauften Gasherden wurden durch Teilnehmer eines anderen Zeltlagers drei Dörfer weiter nachts die Brenner geklaut, weil die Kieler Nachtwache gepennt hat. Damals wurde noch fair gespielt: einen Brenner ließen die „Diebe“ zurück, damit man morgens Tee kochen konnte und die anderen beiden wurden gegen zwei Kästen Bier und ein Fanfaren-tuch „zurückgetauscht“. Herzlich willkommen in Bayern!

Ein Jahr später gab es Stress mit der Gemeinde und es war klar: nächstes Jahr müssen wir woanders hin. Bei einem Auftritt des Fanfarenzuges auf der Lohrer Festwoche, die bis heute oft zeitgleich mit dem Zeltlager stattfindet, kam der Zufall zur Hilfe. Der Lagerchef kam im Festzelt nach der zweiten Maß Bier mit seinem Tischnachbarn ins Gespräch. Es war der Förster der Gemeinde Partenstein, der kurzentschlossen sagte: „Passt scho, ich hab da was für Euch.“ Mal wieder so ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann.

1970. Willkommen in Partenstein. Der Förster hat eine Wiese an der Straße nach Lohr organisiert. Wir kampieren an der Lohr, einem kleinen Bach und sind zu Fuß in zehn Minuten im Dorf. Kontakte werden geknüpft und für die beiden nächsten Jahre wird das Lager auf dem Schlossberg aufgebaut. Ein einsamer Mauerrest ist alles, was man vom „Schloss“ noch sehen konnte (kein Vergleich mit heute) und die Feuerwehr karrte täglich einen Tankanhänger mit frischem Wasser heran.

1973 wird ein Traum war: wir haben ein eigenes Grundstück oberhalb vom Reichengrund, und die Teilnehmerzahl sprengt die Kapazitätsgrenze. Das Schöne an diesem Platz ist der Wald, der direkt daran grenzt. Wir sind 200 Meter oberhalb der Häuser im Dorf und wir können noch mal 100 Meter höher eine Waldlichtung pachten. Dort soll endlich eine feste Küche gebaut werden. Unter tatkräftiger Mithilfe des Försters bauen die älteren Teilnehmer während des Lagers zwei Jahre lang ein Blockhaus, das so auch in den Weiten Kanadas stehen könnte. Der Bauunternehmer schickt mal eben eine Planierraupe vorbei, die auf dem Berghang ebene Stellflächen für die Zelte gräbt.

Ab 1975 wird dieser Platz unser neues Zuhause in Partenstein. Die Küche ist fertig und wird in Betrieb genommen. Wir haben immer noch unser altes Pfadfindermaterial: 10 Koten mit Platz für etwa 50 Personen, eine Jurte und haufenweise schwarze Planen, die zu einem Überdach zusammengeknüpft werden müssen, damit wir im Trockenen Essen können. Es wird langsam Zeit, mal in neues Material zu investieren. Wasser kommt im Schlauch den Berg hoch (ist also nur abgekocht zu verwenden), und Strom ist auch noch nicht in Sicht.

Die Lagermannschaft verändert sich von Jahr zu Jahr. Es gab aber auch schon zu dieser Zeit viele, die als Teilnehmer mitfuhren und Jahre später noch als „Lagerleiter“ (heut nennt man das wohl „Teamer“) Partensteiner Luft brauchen. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass 30-40 Teilnehmer und 8-10 Betreuer die ideale Teilnehmerzahl für den Platz rund um das Lagerfeuer ist. Partenstein war immer überschaubar und familiär.

Ab 1978 haben moderne Rundzelte nach und nach die Koten abgelöst. Seit 1979 gibt es ein Stromkabel ins Dorf und ein Sturm hat 1981 die Jurte erlegt und ein neues Kofferzelt gebracht. Purer Luxus war 1986 das neue große Aufenthaltszelt und pure Anstrengung, 300 Meter Wasserleitung in der Erde zu verbuddeln. Wer sich jetzt fragt, was wir mit den schwarzen Planen vom Überdach gemacht haben: Die dienen noch bis heute für Spiele und für das Duschzelt… Die Vorkriegsware ist eben haltbarer als die modernen Zelte, die inzwischen alle schon erneuert werden mussten.

Anfang der achtziger Jahre scheiden viele „alte“ Betreuer aus dem Lagerleiterteam aus und es folgt eine ganz junge Generation, die kaum älter war, als die teilnehmenden Kids. Wie die „Neue Deutsche Welle“ schwappt ein neues Lebensgefühl nach Partenstein und dadurch wird auch das Zeltlager jünger – aber ohne dass sich das grundlegende Konzept aufgegeben wird. Die Nachfrage nach Ferienplätzen ist hoch und „Partenstein“ ist regelmäßig ausgebucht. 1989 ist ein spannendes Jahr: vor dem Mauerfall feiern wir schon im Sommer in der Dreschhalle im Dorf ein riesiges Fest aus Anlass des 20. Zeltlagers in Partenstein. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung wirken sich auch auf das Zeltlager aus. Im Frühjahr 1991 ruft eine Mitarbeiterin vom Kieler Jugendamt an, ob wir nicht ein „Kontingent“ von Stralsunder Kindern mitnehmen können. Das dortige Jugendamt hat Schwierigkeiten, ihre Kinder in Ferienmaßnahmen unterzubringen, weil dort die bisherigen Maßnahme-Träger reihenweise „abgewickelt“ worden sind. Und ob wir können. Dieses Zeltlager war eines der spannendsten und prägendsten aller Zeiten: Da wuchs in 16 Tagen zusammen, was zusammen gehört. In den Jahren danach war ein Ferienplatz in Partenstein in Stralsund heiß begehrt: meist war das Lager unmittelbar nach der Terminankündigung ausgebucht. Diese Verbindung zu Kiels Partnerstadt Stralsund gibt es übrigens im Zeltlager Partenstein bis heute…

Zum 25. Zeltlager wurde dann 1994 richtig groß gefeiert. Zwischen Rathaus und Kirche wurde ein Festplatz eingerichtet und mit tatkräftiger Unterstützung von der Gemeinde und vielen Vereinen im Ort konnte ein richtig zünftiges, unvergessliches Dorffest auf die Beine gestellt werden.

Ab dem Jahr 2000 kam die nächste Generation von Teilnehmern nach Partenstein. Eine Truppe davon ist jahrelang immer wieder mitgefahren und hat die anderen Teilnehmer regelrecht mitgerissen. Viele von denen sind bis heute dem Zeltlager verbunden.

Inzwischen sind die Teilnehmerzahlen etwas zurückgegangen. Es mag daran liegen, dass es weniger Kinder gibt oder daran, dass es weniger Bedarf gibt, die Kinder in preiswerte Ferien zu schicken. Aber auf unserem Fest zum 40. Zeltlager im Jahr 2009 haben wir feststellen können, dass wir und die Gemeinde den Ehrgeiz haben, auch noch das 50. Zeltlager im Jahr 2019 durchzuführen. Wir sind sicher, dass wir dieses Ziel erreichen. Das Grundkonzept des Zeltlagers Partenstein ist so flexibel, dass es sich auch an die Bedürfnisse der aktuellen Kinder – Generation anpassen kann, ohne dass der Charakter des „Kult-Camps“ verloren geht.

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